Charlotte Selver
Charlotte Selver

Aus Gesprächen mit Charlotte Selver vom January 2000 in Barra de Navidad, Mexiko.

Im Januar 2000 hat mir Charlotte während des Aufenthaltes in Barra de Navidad, Mexico, wo Charlotte jedes Jahr Kurse gab, ausführlich auf viele Fragen geantwortet, die sich aus unseren früheren Gesprächen und einer ersten Sichtung von Archivmaterial ergeben hatten. Hier ein kleiner Ausschnitt aus den etwa 6 1/2 Stunden an Gesprächen von diesen Tagen. Charlotte erzählt aus ihrer Kindheit, von ihrem damaligen Verhältnis zur Religion und aus der Zeit an der Waldschule Kaliski in Berlin während der Nazizeit. Gönner des Projektes können über die Members Seite den Gesprächsausschnitt mithören. Wir sassen bei offenem Fenster im Hotel Barra. Im Hintergrund hört man die Brandung des Meeres und die Geräuschkulisse vom Badestrand.

SLG (Stefan Laeng-Gilliatt): Kannst du mir nochmal die Geschichte erzählen von deinem Vater mit dem Wein?

CS: Oh. Ja, da kam jedes Jahr einmal ein Mann in unser Haus, der Vater Wein verkaufen wollte. Und der kam mit einem Köfferchen. Und, viele Flaschen. Und meine Mutter hat also im Eichenzimmer – das war unser, wo nur geschätzte Gäste zum Essen eingeladen wurden – einen Tisch gedeckt mit Damast und vielen Kristallgläsern ich war brennend interessiert. Und, so dieser Mann kam mit einem Köfferchen, mit einem mittelgrossen Koffer und er öffnete den Koffer und da waren lauter kleine Flaschen drin. Und da nahm er eine der Flaschen mit einer bestimmten Weinlese und öffnete die Flasche und liess meinen Vater den riechen, wie der Wein roch, und manchmal gab er ein bisschen Wein in eines der Kristallgläser. Vater musste das trinken und dann sagte mein Vater: “Vier Flaschen.” Und dann nimmt er eine andere Falsche und dann musste er wieder: “Riechen sie die Blume,” hiess es, die Blume, ja. Und dann hat Vater wieder gesagt: “Zwei Flaschen”, und “fünf Flaschen”, und so ist es durch die ganze Reihe seiner verschiedenen Weine gegangen und Vater hat Wein bestellt und dann , wenn der Wein dann ankam, wurde er in den Keller gebracht. Und mein Vater sagte: “Ich muss jetzt den Wein erziehen.” Und ich war sehr neugierig, wie die Erziehung des Weines sein würde. Und da bin ich mit ihm in den Keller gegangen und Vater hat, er hat den Wein mal ein bisschen nach hinten gekippt aufbewahrt oder ein bisschen nach der Seite gekippt aufbewahrt, und so ist der Wein erzogen worden. Und wir haben dann den Wein getrunken und mein Vater hat immer sehr stolz gesagt: “Der Wein kommt von da und da”, und er wusste genau, wann er abgefüllt wurde, wann er gewachsen war und so weiter. Und so, es war für Vater ein sehr wichtiger Gottesdienst.

SLG: Das ist sehr schön.

CS: Das war ein grossartiger Tag, mit den Damastdecken auf dem Tisch und den Kristallgläsern und den – ‘Diese Blume, riechen sie mal diese Blume.’ Und mein Vater, das gab immer – vier Flaschen – oder er würde sagen: “Nein, nichts davon.” Und so hat er also gewählt.

SLG: Da du schon den Gottesdienst erwähnst.

CS: Ja.

SLG: Waren deine Eltern religiös.

CS: No.

SLG: Nicht, ja.

CS: No. . nein . . . Das ist mir erspart worden.

SLG: Aber habt ihr auch keine religiösen Feste gefeiert?

CS: Eigentlich nicht, nein. Ich erinnere mich, dass ein Onkel, der scheinbar religiös war, eigentlich ein wirklicher Schweinehund war. Und das hat mich alles so abgeschreckt, dass ich überhaupt nichts wissen wollte von Religion. Und meine Eltern waren nicht religiös, nein.

SLG: Ja.

CS: Nein.

SLG: Ich scheine mich zu erinnern, dass du vielleicht etwas mal von Weihnachten oder so erwähnt hast.

CS: Mein Vater war am 25. Dezember geboren. Und so, am 25. Dezember kamen alle Freunde zum gratulieren. Und da war immer ein grosses Fest bei uns. Zum Teil wurde zum Essen eingeladen, zum Teil kamen sie – und da wurden manche sehr komische Sachen – der Arzt, zum Beispiel, der mich zur Welt gebracht hat, ist erst in meines Vaters bedroom gegangen und hat irgendeine seiner Unterhosen genommen und hat sie als Geschenk auf den Geburtstagstisch gelegt. Da waren also – der Arzt hat überhaupt immer sehr taktlose Witze gemacht.

SLG: Ja. Aber ihr habt nichts speziell mit der jüdischen Gemeinde zutun gehabt?

CS: Nein.

SLG: Ja.

CS: Ausser, dass mein Vater, wenn jemand starb von seiner Familie, dann in die Synagoge ging, für eine kurze Zeit jeden Tag da war und, ich weiss nicht, für ihn betete, ich war nicht dabei.
SLG: Du bist nie zur Synagoge gegangen.

CS: No.

SLG: Nein.

CS: Ich war einmal da und da habe ich mich nur interessiert, was jeder anhatte. Und gar keine Beziehung zu was da geschah. Obwohl es wahrscheinlich sehr schön gewesen wäre, wenn ich eine gehabt hätte.

SLG: Ja, dann später mit dem Heinrich. Der hat sich ja dann mehr für das jüdische interessiert. Oder war es nur Palästina, das ihn interessiert hat?

CS: Nein . . . . . Ich kann mich nicht erinnern, dass Heinrich sich für Religion interessiert hat. . . . . . Er arbeitete an einer Schule, und die Schule war für schwierige Kinder. Und diese Schule war von – eingerichtet weil Hitler die Kinder nicht in der andern Schule haben wollte. Und sie wurde genannt “für nicht-arische Kinder”.

SLG: Nicht-arische Kinder.

CS: So, manche waren halb-arisch und manche waren jüdisch and . . . und Heinrich hat versucht, die Kinder für Palästina zu interessieren. Und da hat er zum Beispiel haben sie bestimmte Feiern gehabt und haben auch Theater gespielt und manches hatte zu tun mit Judentum. Und dann hat Heinrich versucht, die Kinder von Berlin nach Palästina zu bringen. Und so hat er manchmal ein Kind ….? …. herübergebracht und dort in Palästina einen Platz zu finden, wo das Kind weiter erzogen wurde. Aber die Schule selbst war eine allgemeine Schule, in der Kinder alles das, was auch andere Kinder lernen, lernen. Und da waren auch halbjüdische Kinder in der Schule. Und die schwierigen Kinder, die nicht-jüdisch waren, wurden dann von Hitler ausgeschult. Und ich erinnere mich, dass einmal eines Sonntags es am Tor schellte, und wir sind zum Tor gegangen durch den Garten. Und da stand einer der Schüler, der früher in unserer Schule studiert hat, mit einer ganzen Truppe von Hitlerjugend vor der Tür. Und als Heinrich die Tür öffnete, sagte er zu den Kindern, da sagte dieser Junge zu den Kindern: “Ich wollte euch zeigen, dass es hier auch gute Menschen gibt.” Und da haben also die Kinder haben also mit Staunen Heinrich angeschaut. Also, das war ein guter Mensch, ein Jude und war ein guter Mensch. . . . Was da alles passiert ist. Manchmal hat die Polizei angerufen und hat uns angeschnauzt über’s Telefon. Und dann später ist einer der Polizisten gekommen und hat gesagt: “Entschuldigen sie bitte, aber unsere Vorgesetzten waren im Raum. Wir mussten so mit ihnen sprechen.”

CS: Es war unbeschreiblich, diese Zeit. Da war ein grosser Tumult. Jemand hat behauptet, dass die Kinder auf die Naziflagge getreten sind und die Naziflagge verunziert hatten. Und da musste Heinrich ins Ministerium herüber. . . . . Einer meiner grossen Verehrer war dieser Blinde, von dem ich dir oft erzähle.

SLG: Ahlmann.

CS: Ahlmann, ja. Der war im Ministerium, im Naziministerium. Ist aber dann – später war er beim Putsch gegen Hitler. Aber zu der Zeit hatte er einen Sitz als … für Erziehung. Und Heinrich musste manchmal ihn besuchen und mit ihm konferieren. So, das ist dann immer sehr gut gegangen. . . . An und für sich war es eine schreckliche Zeit. Und Edelgard war immer mit uns da zusammen. Sie hat bei uns gewohnt. Nun, niemand durfte bei einem Juden wohnen. Und sie hat das alles, sie sagte, dass, ‘Die sollten mich mal besuchen!’ Und unsere Bedienten, die alle Nazis waren und die immer aufgefordert waren, alles zu berichten. Hildegard war ein so entzückender Mensch und so sauber, dass sogar die – unsere Nazimädchen geschwiegen haben und Edelgard bei uns gelassen haben.

SLG: Wie kam es denn, dass die für euch gearbeitet haben?

CS: Wer?

SLG: Die Nazimädchen.

CS: Die wurden befohlen.

SLG: Befohlen?

CS: Ja. Wir hatten nur einen Hausmann, Haas, der war jüdisch. Aber alle andern Angestellten waren Nazis. Und wenn irgendetwas geschah, dann sagten die Nazis: “Wenn du nicht aufhörst, das zu tun, werden wir dich anzeigen, bei den Nazis.” Die waren selber Nazis. Fräulein Martha und Fräulein Louise, ich erinnere mich.

CS: Es war ein gefährliches Leben zu der Zeit. Da die Menschen, die Spione in unserem Haus mitlebten , nicht wahr. Und immer berichteten, wenn immer etwas sein würde, was nicht in Ordnung – für sie – nicht in Ordnung geschieht, es berichteten. Aber sie haben Edelgard nicht berichtet.

SLG: Gut.

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