Charlotte Selver
Charlotte Selver

Bericht vom Charlotte Selver Oral History- und Buchprojekt

24. Februar 2010

10.6.32.
Wir arbeiten an dem Verhalten beim Balancieren mit den Stäben, versuchten wieder, bewusst die 3. Zustande einzuschalten:
Bewegung verhindern (halten)
Bewegung gestatten
Bewegung darzumachen.
Dabei kamen wir dazu, immer mehr zu versuchen, so frei im Balancieren zu werden, dass wir uns mit jemand unterhalten konnten, während wir versuchten, den Stab zu balancieren. Dass unsre Augen frei schweifen konnten, ohne immer am Stab zu hängen. (Sehr interessant war mir, dass ich auch, wenn ich ich umschaute, starre Augen haben konnte, mich ebenso an einer Person oder einem Gegenstand festhalten konnte). Man muss ungeheuer bewegungsbereit sein, um wirklich zur Balance, d. h. zur Ruhe zu kommen.
Wir versuchten dann, unser Verhalten bei der Bewegung beim Hinsetzen zu prüfen. Auch dabei waren die 3 oberen Möglichkeiten immer wieder zu erkennen. Schon vor dem Anfang ist die Art der Bewegung schon beschlossen. Man sieht schon vorher im ganzen Organismus, ob er bereit ist. Dabei unterschied E.G. wieder 3 Dinge:
Probiert sie schon?
Lässt sie es laufen?
Fühlt sie sich schon bei der Bewegung?

Wir bemerkten auch hier, dass Bewegungsbereitschaft die Frage aller Elastizität ist, die Frage aller Freiheit in den Gelenken u. Muskeln. wir erkannten, dass “steife” Menschen nur durch irgendeinen Umstand nicht bewegungsbereit sind. (Die Versuche bei den Einzelnen wechselten demnach auch sehr in der Qualität.

 

 

24. April 2009

Lieber Heinrich, alle diese Episoden, alle diese Erlebnisse werden bei Dir niedergelegt. Eines Tages hole ich mir meine Briefe und schreibe sie ab,… und dann habe ich einen Abriss von München. Gelt, Du wirfst sie nicht fort?” Heinrich Selver warf sie nicht fort und die Briefe an ihren ersten Mann fanden ihren Weg zurück zu Charlotte Selver. Wie und wann ist unbekannt aber Charlotte muss sie systematisch durchgelesen haben (wenn auch nicht abgeschrieben – dies tue ich jetzt). Alle Briefe wurden sorgsam archiviert und über Jahrzehnte aufbewahrt. Dank dieser Sorgfalt können wir heute nicht nur vieles über ihre Zeit in München erfahren, sondern weit darüber hinaus. Während einer Zeit von über zehn Jahren hat Charlotte hunderte von Briefen an Heinrich geschrieben, aus München, Berlin, Halle, Duisburg und vielen andern Orten, an denen sie wirkte.

Zur Zeit schreibe ich also alle diese Briefe ab, damit ich besser mit ihnen arbeiten kann und die Originale nicht unnötig belaste. Gerade bin ich am Ende des Jahres 1925 angelangt. Aus diesem Jahr allein sind über 150 Briefe erhalten. Obwohl Charlotte und Heinrich schon seit gut fünf Jahren ein Paar waren, waren sie noch nicht verheiratet und hatten auch noch nie zusammengelebt. Charlotte war meist unterwegs, Heinrich studierte in Leipzig. Ihre Beziehung war allerdings sehr leidenschaftlich und so sind die Briefe in erster Linie Liebesbriefe. Doch sind sie auch eine Art Tagebuch und manchmal beschrieb Charlotte ihren Alltag bis ins kleinste Detail. Da sind zum Beispiel Stundenpläne und Wochenpläne um Heinrich wissen zu lassen, wann sie wo zu finden sei, bzw. wohin er seine Brief an sie senden soll. 1925 war ein sehr intensives Jahr in Charlottes Berufsleben. Sie arbeitete an der Bode Schule für Körpererziehung in Berlin unter Hinrich Medau. In Berlin selbst unterrichtete sie allerdings wohl wenig. Im Laufe einer Arbeitswoche gab sie auch Stunden in Potsdam, Frankfurt a. O., Halle, Leipzig und andern Orten. Die Reisezeit im Zug diente oft dazu, Briefe zu schreiben. Im Sommer gab es dann längere Kurse in Badeorten am Meer, wie zum Beispiel in Warnemünde im Juli 1925. Einen längeren Ausschnitt aus einem Brief von Warnemünde können Sie hier finden. Charlottes Lebensrhythmus in den 20er Jahren erinnert mich sehr an die Zeit in der manche von uns mit ihr studierten und sie, zusammen mit Charles Brooks, durch die Welt reiste und Kurse gab.

Aus Potsdam schrieb Charlotte Anfang 1925: “Wir haben so gelacht bei Loebs, ich in Potsdam Bodegymnastik!! Man sagte hier, als ob man Mazze mit Butter und Schinken isst!! Trotzdem führe ich meine Stunden unbesorgt weiter, und lasse diese „Hakenkreuzler“ zuweilen nach einem jüdischen Lied üben!” Solche Hinweise auf den aufkommenden Nationalsozialismus und ihre jüdische Identität finden sich zwar nicht häufig, doch fallen sie auf und lassen einen zuweilen schaudern.

Im Sommer 1924 verbrachte Charlotte einige Wochen auf Sylt. Von dort schreibt sie: “Wenn der Mond nachts über dem Meere steht und der Strand hart von der Nässe der weichenden Flut ist, gehe ich mit Astri den Strand entlang. Astri ist eine Weberin, die seit 3 Jahren Sommer und Winter auf dieser verlassenen Insel lebt. […..] Sie hat mich in ihr Herz geschlossen, warum? ‘Ich hasse die Juden!’, sagte sie am ersten Tag, als sie mich fragte, ob ich Jüdin sei. Nun nennt sie mich Ruth und Rahel und sagt: Zur Erinnerung an die Bibelgestalten, die sie über Alles liebt. […..] Einen Abend war ich zu einer Weberin eingeladen, es waren schöne deutsche Mädchen und Knaben da, die sangen unbeschwert und schön alte Lieder, ich will sie auch lernen. – Sie lasen Märchen von Oskar Wilde. Ich liess mich mittreiben von dem angenehmen Strom, von der Schönheit des Raumes, in dem zehn Kerzen brannten, von der Schönheit dieser jungen blondgescheitelten Mädchen und der schlanken Knaben, doch glaube ich: dies ist ihre höchste Steigerung. Ich dachte an Dich, an Uns, ich liebte Uns unsäglich.
Das Studium von Heinrich Selvers Briefen an Charlotte erwartet mich noch. Seit Jahren nehme ich sie mir immer wieder vor und versuche, die Handschrift zu entziffern. Es ist inzwischen klar, das es ohne Hilfe nicht gehen wird. Falls also der Eine oder die Andere von Ihnen mit Handschriften aus dieser Zeit vertraut ist und mir zur Seite stehen könnte, melden Sie sich bitte bei mir. Allerdings habe ich kürzlich einen ersten Erfolg gehabt. Plötzlich konnte ich einen zufällig ausgewählten Brief vom 23. Mai 1924 fast ganz entziffern. Diesen Brief schrieb Heinrich aus Anlass seines Beitrittes zu einer zionistischen Organisation. Seit einiger Zeit hatten er und Charlotte mit dem Gedanken gespielt, nach Palästina auszuwandern. Dies war wohl eher ein Anliegen Heinrichs, doch Charlotte war der Idee nicht entgegengestellt und hatte selbst gelegentlich Kontakte mit zionistischen Organisationen. Eine Reaktion darauf hörte Heinrich noch am selben Tag von seinem Professor an der Universität Leipzig. Heinrich schreibt: “…. und am Abend plötzlich aus eigenem Antrieb Prof. Schneider, mit dem ich über 1 Stunde in lebhaftester Auseinandersetzung durch den Abend ging. (Er schreibt soeben ein Buch über diese Dinge.) Noch habe ich keinen wohlgeratenen Deutschen gesprochen, der mich nicht gesagt hätte: bleibt bei uns – wir brauchen Euch wie Ihr noch stärker uns – Ihr könnt nicht leben und gedeihen unter Euch, hier aber seid Ihr wertvolle und fruchtbare Menschen . . . Du weisst, wie sehr gerade wir fürchten und ahnen, dass dieses Letztere allzu wahr sein oder werden könnte. Schneider prophezeite mir meine Rückkehr nach einigen Jahren und versteht, aber bedauert diesen Umweg in der Entwicklung eines jeden besseren Juden von heute.

Der Plan, nach Palästina auszuwandern, wurde nie umgesetzt, obwohl Charlotte und Heinrich später auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer auch dort halt machten. Weshalb dies so kam und warum es dann die USA waren, nach denen beide – wenn auch nicht zusammen – auswanderten, hoffe ich in den kommenden Monaten herauszufinden.

So gehe ich weiter auf meiner Entdeckungsreise durch Charlotte Selvers Leben. Diese wird mich im Sommer auch nach Deutschland bringen, wo ich in München, Berlin und Duisburg auf Spurensuche zu gehen plane. Darauf freue ich mich und ich bin dankbar, dass ich dies dank der Unterstützung von Vielen tun kann. Ein Projekt wie dieses ist ohne finanzielle Beiträge nicht durchführbar. Mein Dank gilt allen, die meine Arbeit bisher grosszügig unterstützt haben. Bitte helfen Sie mit, dass die Forschung an Charlotte Selvers Leben auch dieses Jahr weitergehen kann. Danke!

 

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