Charlotte Selver
Charlotte Selver

New York City, April 1942

In this excerpt Charlotte spoke German, as she often did when remembering the past.

Appointment book entries from April 1942 reminded Charlotte of her first Chinese dinner with the art collector Karl Nierendorf; how she met Marion Becker, a student of Elsa Gindler, at one of Nierendorf's art shows; and working with the conductor Otto Klemperer after a fall from the podium years earlier in Leipzig.

You can read the English translation of the interview segment further down, after the German transcript.

Und jetzt weiter in Deutsch:

Im Frühjahr 1999 arbeiteten Charlotte und ich uns Seite um Seite durch ihre Agenden, um zu sehen, an welche Ereignisse und Begegnungen sie sich noch erinnern würde. Dieser kleine Ausschnitt betrifft einige Einträge vom April 1942. Charlotte erinnert sich an ihr erstes chinesisches Essen mit dem Kunsthändler Karl Nierendorf, wie sie an einer Ausstellung von ihm eine Schülerin von Elsa Gindler traf, und an den Dirigenten Otto Klemperer, dem sie nach einem Sturz vom Podium in Leipzig geholfen hat, und von dem sie viel über Bewegung gelernt hat.

Ich begann damit, ihr einen Eintrag zu lesen:

Stefan Laeng-Gilliatt: “Nierendorf”.

Charlotte Selver: Oh, das ist Nierendorf! Karl Nierendorf. Weisst du von dem?

SLG: Nein.

CS: Eh. . . . . Ist auch ‘ne lange Geschichte. . . . Also Karl Nierendorf hat bei mir studiert. Karl Nierendorf hat mich zum ersten Mal zu einem chinesischen Dinner eingeladen. Und ich dachte, ich war im Himmelreich. Ich dachte, soviel – also da waren diese wunderbaren – er hat das köstlichste bestellt . . . . . [inaudible] Karl Nierdendorf hat einmal einen Vortrag über Mexico gehalten und hat Bilder gezeigt von Mexico, die er aufgenommen hatte – an die Wand geworfen. Und neben mir sass eine Frau, die ich nicht kannte. Und da war eine Pause. Und jeder stand auf und ging und sah die Bilder von Karl Nierendorf an, also die Ausstellung. Und ich, ich ging mit ihr und sie fragte mich nach einiger Zeit: “Was tun sie hier in New York?” und . . . da sagt’ ich: “Ich arbeite an Bewegung und . . .” “Oh”, sagte sie, “Mit wem haben sie studiert?” Und ich sagte: “Oh, sie werden sie nicht kennen. Es ist eine Frau die sehr wenige Menschen kennen.” Sagte sie: “Wie heisst sie denn?” Und ich sagte: “Elsa Gindler.” Sie sagte: “Elsa Gindler? Elsa Gindler. The woman has changed my whole life!”

Und da erzählte mir dann eine lange Geschichte. Also sie, sie war im College, und als sie mit dem College fertig war, haben die Eltern sie nach Europa geschickt. . . . Sie sollte die Welt kennenlernen. Und sie wollte gerne tanzen. Aber sie war furchtbar ungeschickt. Und sie wusste nicht – von einer Tanzschule zur andern ist sie geschickt worden. Niemand wollte sie behalten. Und dann ist sie – eines Tages hat jemand gesagt: “Sie sollten nach Berlin gehen und sollten Elsa Gindler besuchen. Die wird ihnen vielleicht helfen können.” Und sie hat ihren Koffer gepackt und ist nach Berlin gegangen und hat das Studio von Elsa Gindler – sie konnte kein Deutsch. Elsa Gindler konnte kein Englisch. Also sie sagte, es war wunderbar, sagt sie: “Not in an hour. In ten minutes Elsa Gindler told me what was the difficulty with me.” Und sie sagte also, dass sie immer ihre Atmung unterdrückt hat und immer wenn sie anfing sich zu bewegen konnte sie nicht mehr atmen usw. Und dann hat sie mit Gindler gearbeitet ungefähr ein halbes Jahr war sie . . . . sie kann sie nie vergessen, nicht war. Aber das, ist das nicht unglaublich, wie das Schicksal . . .

SLG: Das ist erstaunlich.

CS: . . . das ich gerade neben ihr sass, dass wir uns unterhielten.

SLG: Erstaunlich.

CS: Ist nicht? Und als ich Elsa Gindler von ihr erzählte, also sie – ihr Gesicht leuchtete und sie sagte: “Das war ein netter Mensch.” Also das ist für Gindler eine grosse Lobhudelei. Ein netter Mensch.

SLG: Aha . . . . “Zempliner.”

CS: Bitte?

SLG: “Zempliner.”

CS: Zempliner, ja. Das war eine Russin, die ich, mit der ich viel gearbeitet habe.

SLG: Griesbach.

CS: Griesbach war auch jemand der ....

SLG: “Meet John Doe”. John Doe. In Klammern “Heinrich” . . . das war wohl ein Ulk.

CS: Meet John Doe. [Charlotte findet keinen Bezug. Sie hat sich wohl mit ihrem früheren Mann Heinrich Selver getroffen, der auch in New York lebte.]

SLG: “Klemperer, 10 Uhr”

CS: Oh, mit Klemperer* . . .

SLG: Das muss am . . .

CS: Ich hab’ mit ihm gearbeitet. Das war ein wunderbarer Dirigent.

SLG: Ja. Das ist 1942, April 21st.

CS: Und ich bin immer in die Konzerte von ihm gegangen und auch in die Proben. Und habe dort gesessen, oben wo gewöhnlich der Chor war. So dass ich ihn immer dirigieren sah. Und es war also ganz wunderbar. Und er, wenn er kam, hat er auch heraufgegrüsst. Er sah, dass ich immer wieder kam. Und dann, ich weiss nicht ob das da schon geschehen ist. Eines Tages ist Klemperer während eines Konzerts ins Orchester gefallen. . . . Und ist gelähmt worden. Und ich musste mit ihm arbeiten. . . . . Es war ein ungeheures Unglück für ihn.

SLG: Weshalb ist er denn runtergefallen?

CS: Bitte?

SLG: Weshalb ist er denn da runtergefallen?

CS: Er wurde so aufgeregt und hat, ist nicht mehr aufs Podium getreten und ist einfach nach unten gefallen. . . . Er konnte nachher weiter dirigieren, aber er musste sitzen und er konnte nur ein kleines Bisschen eine Hand bewegen. Aber es war, es war ein schrecklicher Unfall. Und ich hab mit ihm viel gearbeitet.

CS: . . . . . . Gott, war das ein Mann. Wenn er im Hotel gesessen hat, würde er anfangen zu sprechen, würde er anfangen zu singen und der ganze, der ganze Empfangsraum war voll von seinem – er hat überhaupt keine Scham gehabt.

SLG: Wie hast du ihn denn kennengelernt? Indem du zu seinen Proben gegangen bist?

CS: Eh . . . . Ich hab’ ihn nicht kennengelernt, ich hab ihn dirigieren – und er hat mich gesehen immer bei den Proben und so.

SLG: Ja.

CS: Und ich war voll von ihm. Ich war so begeistert. Er war ein wunderbarer Dirigent.

SLG: Ja.

CS: Und für Bewegung hab’ ich viel gelernt von ihm.

* Otto Klemperer, 1885 - 1973, war einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Er stürzte 1933 in Leipzig vom Podium, wahrscheinlich während einer Orchesterprobe. Es kursieren verschiedene Versionen dieses Unfalls. Nach einer Quelle erlitt er einen Schädelbasisbruch. Die Verletzungen trugen bleibende Folgen nach sich. “Hatte nicht Klemperers eigener Sturz vom Podium in Leipzig zu Beginn der dreißiger Jahre eine ganze Serie physischer Kalamitäten eingeleitet: Tumor, Lähmung, Verbrennung?” (Die Zeit: 13. Juli 1973)

 

English Translation

Stefan Laeng-Gilliatt: “Nierendorf.”

Charlotte Selver: Oh, that’s Karl Nierendorf. Do you know about him?

SLG: No.

CS: Another long story. Karl Nierendorf studied with me, and he took me out to my first Chinese dinner. I thought I was in heaven. There were all these – he ordered the most delicious things. Karl Nierendorf once gave a talk about Mexico, he showed slides he took in Mexico. Next to me sat a woman, whom I did not know. During the intermission and we all got up to look at his exhibition. The woman and I went together and after a while she asked me, “What do you do here in New York?” I said, “I work with movement.” “Oh,” she responded, “with whom did you study?” “You wouldn’t know her,” I responded, “she is not very well known.” “What is her name?” the woman asked.” “Elsa Gindler.” “Elsa Gindler? The woman changed my whole life!”

And then she told me a long story. After graduating from college her parents sent her to Europe. She wanted to travel and she wanted to dance. But she was terribly clumsy and none of the dance schools wanted her. Finally, someone said to her, “Go to Berlin and look up Elsa Gindler. She may be able to help you.” So she packed her bags and went to Berlin, to the studio of Elsa Gindler. She did not know any German. Gindler didn’t know any english. The woman said to me, “It was wonderful. Not in an hour, in ten minutes Elsa Gindler told me what was my problem was.” She told her that she was suppressing breathing, and that every time she started to move, she couldn’t breath anymore, etc. So she worked with Gindler for about six months. She can never forget her, you know. Isn’t it something that I sat right next to her and that we began to talk?

SLG: Amazing.

CS: When I told Elsa Gindler about her, her face lit up and she said, “She was a nice person.” Well, for

Gindler that was a huge compliment. A nice person.

SLG: I see. … “Zempliner.”

CS: Zempliner, yes. She was Russian. I worked with her a lot.

SLG: “Griesbach.”

CS: Yes, another student.

SLG: “Meet John Doe”. And in parenthesis “Heinrich”. … That must have been a joke.

CS: Meet John Doe. [Can’t relate. She will have met with her former husband, Heinrich Selver, who lived in New York too.]

SLG: “Klemperer. 10 o’clock.”

CS: Oh, with Klemperer * … I worked with him. He was a wonderful conductor.

SLG: Yes. This is on April 21, 1942.

CS: I always went to his concerts, and to the rehearsals too. I’d sit where the choir usually sits, so that I could see him conduct. It was just wonderful. And when he climbed the podium, he’d greet me. He saw that I kept coming. Then, one day, he fell off the podium during a concert. He was paralyzed and I had to work with him.

SLG: Why did he fall?

CS: He got so excited while conducting that he took a step off the podium by accident. He was still able to conduct but he had to sit and could only move one hand a bit. It was a terrible accident and I worked with him a lot.
God, what a man he was. When he sat in a hotel lobby and began to speak or to sing he filled the whole place – he was not the least bit self-conscious.

SLG: How did you meet him? By going to the rehearsals?

CS: I saw him conduct and he saw me at the rehearsals. That’s how it happened. I was full of him, totally enthusiastic. He was a wonderful conductor.

SLG: Yes.

CS: And I learned a lot about movement from him.

* Otto Klemperer, 1885 - 1973, was one of the 20th century's most important conductors. The fall Charlotte talks about happened in Leipzig in 1933, likely during a rehearsal. The accounts about this incident vary depending on the source. He seemed to have suffered a fracture of the skull and other injuries. This subsequently led to the growth of a tumor which was removed in the US in 1939.

 

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