Charlotte Selver
Charlotte Selver

Liebe Freunde des Charlotte Selver Oral Histroy and Book Project,

Der untenstehende Bericht enthält viele Einzelheiten über Charlottes frühes Leben, die bis zu meinem kürzlichen Forschungsaufenthalt in Deutschland nicht bekannt waren. Eine Fülle weiterer Erkenntnisse sind hier nicht erwähnt. Um Informationen dieser Art zu finden ist es unerlässlich, Archive zu besuchen, kleinen Hinweisen zu folgen – einem Datum, einem Strassennamen, einem zunächst unwichtig erscheinenden Detail in einer alten Fotografie. Wenn man dann durch die Strassen geht und die Dimensionen einer Stadt gehend erlebt, geschieht es plötzlich, dass vorher gefundene scheinbar unzusammenhängende Informationen sich zu einem stimmigen Bild zusammenfügen, wie es aus der Ferne und durch Gelesenes nie hätte zustande kommen können.

Duisburg Address book 1910 entry for Wittgenstein

Duisburger Adressbuch von 1910.

Paul ist Charlottes Vater, Teilhaber der Firma 'Wittgenstein u. Vasen'. Hermann ist Pauls Vater, Otto ist Pauls Bruder.

(Die Königstrasse wurde bald darauf in Amtsgerichtsstrasse umbenannt.)

Eine solche Arbeit ist zeitaufwendig und will finanziert werden. Während der letzten 2 ½ Jahre konnte ich mich, dank der Grosszügigkeit von vielen, ganz diesem Projekt widmen. Das ist nicht selbstverständlich und ich bin für das in mich gelegte Vertrauen sehr dankbar. Da es aber dieses Jahr bisher nicht möglich war, genügend Geld aufzubringen, kann ich zur Zeit nicht mehr voll an diesem Projekt arbeiten. Ich werde die nächsten Wochen damit verbringen, neue mögliche Finanzierungswege zu erkunden, in der Hoffnung, mich nicht einer andern Arbeit zuwenden zu müssen, was das Projekt sehr in Verzug bringen würde. Wenn möglich möchte ich es auch vermeiden, immer mehr Zeit für die Finanzierung des Projektes aufzuwenden, anstatt für die eigentliche Arbeit des Forschens und Schreibens. Falls Sie in dieser Beziehung Ideen oder Expertise haben, wäre ich für Hinweise sehr dankbar. Ich bitte Sie auch, das Charlotte Selver Oral History und Buchprojekt weiterhin finanziell zu unterstützen.


Ob ich nun aber genügend finanzielle Hilfe bekomme oder nicht: das Projekt wird auf jeden Fall weiter- und zuende geführt, wenn nötig halt in einem langsameren Tempo. Charlottes Leben fasziniert mich jeden Tag. Es ist dies nicht nur die Geschichte einer Sensory Awareness-Pionierin: Es ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, die das 20. Jahrhundert lebt, die Geschichte eines deutsch/jüdischen Lebens, die Geschichte einer Zeit und von Leuten, die das Potential des Menschen in neuer Weise erkundet haben und denen für dafür zu grossem Dank verpflichtet sind. Ich habe mir mit dieser Arbeit eine äusserst Anspruchsvolle Aufgabe gestellt. Ich tue sie sehr gerne und will sie gründlich tun – mit Ihrer Hilfe ist das möglich.

Danke!

Stefan Laeng-Gilliatt

 

Von Ruhrort nach Leipzig

Recherchen in Deutschland, Sommer 2010.

Charlotte Wittgenstein kam in Ruhrort zur Welt, einer alten Kleinstadt am Zusammenfluss von Ruhr und Rhein. Die Stadt ist eingebettet in ein Geflecht von Flüssen und Kanälen, dem Duisburg-Ruhrorter Hafen, einem der grössten Binnenhäfen der Welt. Seit 1905 ist Ruhrort ein Stadtteil von Duisburg. Umbeben von Stahlwerken und anderer Schwerindustrie hat Ruhrort doch durch seine Lage bis heute etwas von der kleinstädtischen Atmosphäre behalten, von der Charlotte 1922 in einem Brief an Heinrich Selver anlässlich eines Besuches bei ihren Eltern schrieb: “Ruhrort ist eine einzige grosse Familie, ich ein Outsider, aber dennoch für 10 Tage ihr Kind.

Aerial view of Ruhrort 1926 Ruhrort befindet sich in der oberen rechten Ecke unter der Rheinbrücke auf dieser Luftaufnahme von 1926.
(Courtesy of Stadtarchiv Duisburg.)

Wie eine eine grosse Familie war das Städtchen wohl wirklich. Ein Kind kann leicht in 15 Minuten von einem Ende der Stadt zum andern gehen und die kleine Charlotte wäre auf etwas gewundenen Wegen durch die Gassen von Ruhrort an den Häusern ihrer Grosseltern vorbeigekommen, hätte vielleicht durch das Schaufenster seines Haushaltwarengeschäftes ihrem Onkel Otto zugewunken, wäre einer Tante auf dem Markt begegnet und hätte wohl auch Gelegenheit gehabt, mit einer Cousine verstecken zu spielen – na ja, das hätte dann etwas länger gedauert.

Corner building in Ruhrort Rheinallee Ruhrort colored photograph
Amtsgerichtsstrasse 25, Ruhrort.
Dies ist das einzige erhaltene Gebäude, das ich gefunden habe, in dem Charlotte ihre frühe Kindheit verbracht hat.
Alte Postkarte der Rheinallee in Ruhrort,
wo Charlotte in ihrer späteren Kindheit zuhause war.
(Courtesy of Stadtarchiv Duisburg)

Dann hätte Charlotte einen Zug besteigen können, der sie in 10 Minuten nach Meiderich gebracht hätte, zur Talg-Schmelzerei und Darmhandlung Wittgenstein & Vasen, der Firma ihres Vaters. Allerdings ist sie nicht gerne dahingegangen, da man von ihres Vaters Büro die Schreie von sterbenden Tieren im angrenzenden Duisburger Schlachthof hören konnte. Laut Charlotte hasste Paul Wittgenstein es auch, dort zu sein. Auch er konnte die Todesschreie schwer ertragen und sein Herz war nicht in dieser Art von Geschäft, das vermutlich als Zulieferfirma für die Lampenfabrik von Charlottes Grossvater, Wittgenstein & Horn begann, bevor die Elektrifizierung des Ruhrgebietes in dessen Firma zu grossen Umwälzungen führte. Diese Zusammenhänge sind allerdings nicht gesichert. Die Vermutung beruht auf der Tatsache, dass Rindertalg im 19. Jahrhundert als Brennstoff für Lampen gebraucht wurde.

Grossvater Hermann Wittgensteins Lampenfabrik an der Amtsgerichtsstrasse in Ruhrort.
(Courtesy of Stadtarchiv Duisburg)

Es war eine kleine Welt aber keine abgeschiedene. Die Gasthöfe hatten regen Besuch von Rheinschiffern, am Hafen bei der neuerbauten Schifferbörse wechselten Schiffsladungen die Hand, während die nahe gelegenen Stahlwerke Güter produzierten, die über den Rhein in die ganze Welt verschifft wurden. Darunter waren auch Vater Paul Wittgensteins beliebte Wursthäute, die ihren Weg bis nach Südamerika fanden.

Habe ich dir erzählt, wie der Kaiser nach Ruhrort gekommen ist? Ja, also er ist nach Ruhrort gekommen, um die Schifferbörse einzuweihen. Und so hat er also eine Rede gehalten und dann sind sie alle in die Schifferbörse gegangen und haben das also wunderschön gefunden, waren sehr gerührt. Und dann, als der Kaiser dann wegging, ist die Tür zugemacht worden und niemals hat ein Schiffer die Schifferbörse betreten, alle haben weiter auf dem Damm Geschäfte gemacht.

[Charlotte in einem Gespräch mit Stefan. Diese Anekdote ist bestimmt nicht ganz falsch, aber wohl mit etwas Vorsicht zu geniessen. Die Schifferbörse wurde 1901 eigeweiht, Charlottes Geburtsjahr.]

Das ist also das Ruhrort, dreckig und verschlafen, der Niederrhein zieht gemächlich vorüber und vom Fenster aus sieht man ihn und die Schiffe, die im Hafen liegen. Aber eine Dunstwolke erfüllt die Luft: nicht auszudenken! Mein Himmel von Oberhof, wo bist Du? Es gibt keine blauen Fernen mehr und nicht die zarten sich verschneidenden Linien der Berge. Das Land ist von einer Nüchternheit, die in der Flachheit selbst ihre Wirkung hat, und doch liebe ich dieses Bild und die feuersprühenden Schlote und glühenden Hütten!” [Charlotte an Heinrich Selver, September 1921]

Als meine Tage in Duisburg zu Ende waren, nahm ich den Zug quer durch Deutschland nach Leipzig, wie auch Charlotte dies oft getan hatte, als sie in Leipzig lebte. Und so wie in Duisburg, ging ich auch in Leipzig durch die Strassen, auf der Suche nach alten Wohn- und Arbeitsadressen von Charlotte, um mir trotz all der dramatischen Veränderungen des Stadtbildes einen Eindruck von ihrem Leben dort machen zu können. Heute wie damals präsentieren sich die beiden Städte äusserst verschieden. Ganz anders als Duisburg, erfuhr ich Leipzig als eine weltoffene Stadt mit viel “Geist”, wenn ich so sagen darf. Ich stelle mir vor, dass Charlotte sich hier in einer Weise entfalten konnte, die ihr in der engen Atmosphäre von Duisburg-Ruhrort verwehrt gewesen wäre.

Hier in Leipzig hat Charlotte ihre erste feste Wirkungsstätte gehabt, hier hat sie sich als Lehrerin der Bode-Gymnastik selbständig gemacht, hier hat sie schliesslich den längst ersehnten Schritt gewagt und die Ausdrucksgymnastik aufgegeben, um sich auch mit ihren Schülern der Arbeit von Elsa Gindler und Heinrich Jacoby zu widmen. Für diesen Neuanfang blieb ihr nicht viel Zeit. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten kamen die Jahre ihres Beruflichen Erfolges in Deutschland bald zu Ende.

Augustusplatz Leipzig Charlotte Selver working with Children

Im Gebäude in der Mitte dieser Fotografie mit der Adresse Augustusplatz 1 hatte Charlotte ihr Studio von 1928 - 1935. (Courtesy of Stadtarchiv Leipzig)

Charlotte Selver-Wittgenstein arbeitet mit Kindern
in ihrem Studio am Augustusplatz
in den frühen 30ger Jahren.
(UCSB Library, Courtesy of Sensory Awareness Foundation)

Im Stadtarchiv Leipzig und im Sächsischen Staatsarchiv schaute ich mir hunderte von Fotografien an, um mir ein Bild der Stadt in den 30er Jahren machen zu können. Vor allem wollte ich herausfinden, wo genau das Gebäude mit der Adresse Augustusstrasse 1 lag, wo Charlotte für Jahre ihr Studio hatte. Ich hatte diese Umgebung lange kreuz und quer durchlaufen ohne mir über dessen Lage klar zu werden. Die Antwort fand ich erst am letzten Abend meines Aufenthaltes in Leipzig, als ich in einem Buchgeschäft auf ein faszinierendes Buch mit dem Titel Leipzig wird Braun stiess. Darin findet sich eine Fotografie einer Nazi-Parade die, Hitler grüssend, an genau diesem Gebäude vorbeimarschierte, drei Monate nach dem ersten öffentlichen Boykott von jüdischen Geschäften. Man erkennt an der Fassade den Namenszug “Keffel – Ledertuch, Linoleum”. Kommerzienrat Keffel hatte Charlotte ab 1928 Räume für ihr Studio zur Verfügung gestellt. Darüber werde ich im Buch ausführlicher berichten können. Dies war eine von Charlottes liebsten Erinnerungen aus dieser Zeit.

Charlotte lebte danach noch zwei Jahre in Leipzig, im Versuch, ihren Beruf weiterzuführen, bis sie im Herbst 1935 schliesslich aufgeben musste. Unter anderen Dokumenten fand ich im Stadtarchiv eine Karteikarte, auf der der Entzug ihrer deutschen Staatsbürgerschaft am 17. Oktober 1935 dokumentiert ist. Am Tag davor, das zeigt die Einwohnermeldekarte, hatte sich Charlotte nach Berlin abgemeldet, wo sie noch bis zum Oktober 1938 lebte. Sie verliess Deutschland ein paar Wochen vor dem Novemberpogrom und emigrierte nach New York. Ihre Eltern, deren Wohnungseinrichtung in Duisburg in der “Kristallnacht” zerstört wurde, musste sie vorerst zurücklassen. Sie konnten erst 1941 über Kuba nach den USA flüchten.

 


Festspielhaus Hellerau

Ich besuchte auch kurz die Gartenstadt Hellerau in Dresden. Hellerau war einer der ersten Orte in Deutschland, wo sich die Reformbewegung kreativ entfalten konnte. Im Bild das Festspielhaus, wo der schweizer Musikpädagoge Emile Jaques-Dalcroze Rhythmische Gymnastik (Eurhythmie) unterrichtete. Einer seiner Schüler war Charlottes Lehrer Rudolph Bode (Bode Gymnastik).

Ihr späterer Lehrer Heinrich Jacoby unterrichtete in Hellerau vor dem ersten Weltkrieg und dann wieder von 1922 - 1925. Charlotte erwähnt Jacoby zum ersten Mal in einem Brief vom 6. Juni 1923 an Heinrich Selver: "Jacoby: Du erkennst den Menschen nicht als den, der uns begegnete, wenn Du eine Stunde bei ihm hast. Darüber Dir schreiben wäre unnütz, Du musst das selbst erleben."

 

 

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